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Ambros Uchtenhagen prägte die schweizerische Psychiatrie über viele Jahre mit Pionierleistungen in den Bereichen Sozialpsychiatrie und Abhängigkeitserkrankungen. Er genoss weit über die Schweiz hinaus höchstes Ansehen als Arzt, Wissenschafter und Berater zahlreicher gesundheitspolitischer Gremien.
Für meine Frau und mich wurde er zu einem guten Freund – eine Beziehung, die sich in den für Ambros sehr schweren Jahren vertiefte, als seine Frau Liliane unter einer fortschreitenden Erkrankung litt, der sie schliesslich erlag.
Ambros Uchtenhagens «Markenzeichen» war zeitlebens ein beeindruckend weiter intellektueller Horizont, verbunden mit persönlicher Zurückhaltung, ja Bescheidenheit. Das noch vor seinem Einstieg in die medizinische, in die psychiatrische Welt in Zürich abgeschlossene Philosophiestudium und seine Dissertation bei Hans Barth über Machttheorien von Platon bis Machiavelli mögen hier bleibende Akzente gesetzt haben.
Er war ein engagierter Denker und Bürger, nachdenklich, neugierig und gesprächsbereit. Er liebte, ja er suchte scharfsinnige Debatten ohne überflüssige Floskeln, sofern es um die Sache ging und nicht um Polemik. Er konnte und wollte pointiert sein: Hatte er sich eine Überzeugung gebildet, vertrat er sie klar und selbstbewusst. Drei Aspekte sollen veranschaulichen, was das konkret bedeutete:
(1) Seine Wissenschaftsorientierung zeigte sich in Fragen wie «Woher weisst Du, wie begründest Du, was Du zu wissen glaubst?»
(2) Zugleich war und blieb er wissenschaftskritisch, im besten Sinne skeptischalso: «Wie sicher bist Du, dass das stimmt, was Du denkst? Könnte es nicht auch anders sein?»
(3) Was darüber hinaus viele seiner Weggefährten – Thomas Zeltner hat es erwähnt – tief beeindruckte, war sein überzeugter Humanismus: «Cui bono? Was nützt es der Patientin, dem Patienten?»
Eine konsequente Personzentriertheit liess Ambros Uchtenhagen sein Fach, die Psychiatrie, immer auch in seine gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexte stellen. Diese Grundhaltung spiegelte sich in der Gründung der «Interessengemeinschaft für Sozialpsychiatrie Zürich», der IGSP, wider, die er über Jahrzehnte präsidierte. Sie bietet seit 1971 Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen angemessene Lebensmöglichkeiten an. Das Fest zu ihrem 50-Jahr-Jubiläum wird allen Anwesenden, darunter Ambros Uchtenhagen, in schöner Erinnerung bleiben.

Dass er nicht nur die medizinische, sondern auch die – oft unterschätzte – kulturwissenschaftliche Dimension der Psychiatrie anerkannte und förderte, davon zeugen nicht zuletzt seine eigenen Gemälde, die er allerdings – wie viele der hier Anwesenden wissen – erst in den letzten Jahren der Öffentlichkeit in Galerien des In- und Auslands präsentierte.
Das Schweizer Gesundheitswesen und speziell die Schweizer Psychiatrie verlieren einen ideenreichen, seine Ziele engagiert und nachhaltig vertretenden Protagonisten. Für viele von uns, auch für mich, ist es der persönliche Verlust eines Wegbegleiters und Förderers. Anders, vor allem weitaus näher trifft der Verlust natürlich die Familie, der ich mein tiefes Mitgefühl aussprechen möchte.
Wir werden die Erinnerung an Ambros Uchtenhagen, diesen Menschenkenner, der ein Menschenfreund war, bewahren – und sein Werk fortsetzen.
Paul Hoff
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Vorstand und Geschäftsleitung
der IGSP
Prof. em. Dr. med. Dr. phil. Paul Hoff
Präsident IGSP, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH)